Zertifizierung

ERP/EDI-Zertifizierung für die Automobilindustrie:
Sicherheit für strategische Entscheidungen

“Eine Auswahl für ein ERP-/EDI-System in der Automobilindustrie, ist nicht eine
Entscheidung über Software, sondern über die Stabilität digitaler Wertschöpfungsketten
und damit strategisch für die Zukunft des Unternehmens als Partner der OEMs.“

Darius Zand, Chairman ITA Automotive Service Partner e.V.

Kurz zusammengefasst

Die von ITA e.V. initiierte und gemeinsam mit dem VDA e.V. entwickelte Zertifizierung für ERP/EDI-Systeme schafft eine fundierte, praxisnahe Entscheidungsgrundlage für die Automobil- und Zulieferindustrie. Geprüft werden eine prozessorientierte Implementierungsmethodik, die Abdeckung automobilspezifischer Prozesse und Funktionen sowie die reale Interoperabilität mit OEM- und Zuliefer-Systemen. Nur wer alle drei Phasen erfolgreich besteht, erhält das Gesamtzertifikat. Für OEMs, Zulieferer und angrenzende Branchen wie Luftfahrt und Rüstung ergeben sich daraus geringere Auswahlkosten, reduzierte Projektrisiken, kürzere Implementierungszeiten sowie mehr Transparenz in der Supply Chain. Aktuell wird die Initiative um Themen wie MES, IoT und GenAI/KI ergänzt und perspektivisch auf Robotics und Analytics ausgeweitet.

Eine der wichtigsten Entscheidungen der Branche

Kaum eine Technologieentscheidung wiegt in der Automobil- und Zulieferindustrie so schwer wie die Wahl des richtigen ERP/EDI-Systems. Die Prozesse sind komplex, die digitale Vernetzung mit den OEMs eng getaktet, und die Anforderungen an Standards, Kommunikation und Praxistauglichkeit sind hoch. Genau hier setzt eine gemeinsame Zertifizierungsinitiative von ITA e.V. und VDA e.V. an: Sie prüft Methoden, Prozesse, Funktionen und Interoperabilität unter realen Bedingungen – und schafft damit Orientierung in einem unübersichtlichen Markt.

Denn eines ist klar: Klassische ERP-Funktionen wie Einkauf, Produktion, Vertrieb oder Controlling reichen längst nicht mehr aus. In eng verzahnten Lieferketten zwischen OEMs, Tier-1-, Tier-2- und weiteren Zulieferern müssen Informationen sicher, standardisiert und ohne Medienbruch fließen. Gefragt sind Systeme, die branchenspezifische Anforderungen nachweislich beherrschen und sich zuverlässig in bestehende Automotive-Strukturen integrieren.

Ein neutraler Referenzrahmen für den gesamten Markt

Die Zertifizierung bietet OEMs, Zulieferern, Entscheidern, Anwendern und Softwareanbietern gleichermaßen einen objektiven Bewertungsmaßstab. Statt sich allein auf Werbematerial, Herstellerpräsentationen oder Einzelreferenzen verlassen zu müssen, können Unternehmen künftig auf einen neutral geprüften Nachweis der Brancheneignung zurückgreifen. Softwareanbieter wiederum erhalten damit eine klare Roadmap, um Lücken in ihren Systemen gezielt zu schließen und sich auf eine Zertifizierung vorzubereiten.

Entwickelt von der Branche, für die Branche

Initiiert wurde das Modell von der ITA e.V. und gemeinsam mit dem VDA e.V. ausgearbeitet. Über einen VDA-Arbeitskreis waren alle deutschen OEMs sowie führende Automobilzulieferer aktiv an der Definition der Anforderungen beteiligt – gemeinsam mit Softwareanbietern und Beratungsunternehmen. Das Ergebnis ist kein allgemeines Softwarelabel, sondern ein branchenspezifisches, durch ein akkreditiertes
Zertifizierungsunternehmen auditiertes Modell.

Geprüft wird dabei nicht, ob bestimmte Funktionen lediglich in einer Produktpräsentation auftauchen, sondern ob sie methodisch sauber implementiert, funktional belastbar umgesetzt und im Zusammenspiel mit OEM-Prozessen tatsächlich interoperabel sind.

Abbildung 1: ITA-Workshop mit ERP/EDI-Experten aus der Automobilindustrie und Softwareanbietern bei der Erarbeitung der Zertifizierungsanforderungen.

Warum sich der Aufwand lohnt

Die Einführung oder Ablösung eines ERP-Systems bindet erhebliche Ressourcen: Lastenhefte, Auswahlverfahren, Workshops und Prozessanalysen kosten Zeit und Budget. Zeigen sich Schwächen erst während der Implementierung – etwa bei der Branchentauglichkeit oder der EDI-Anbindung – steigen Kosten und Risiken schnell erheblich.

Zertifizierte Systeme schaffen hier von Anfang an eine fundierte Entscheidungsgrundlage. Unternehmen können sich bei der Marktsichtung gezielt auf bereits unabhängig geprüfte Anbieter konzentrieren, was den Evaluierungsaufwand reduziert und die Qualität der Vorauswahl deutlich verbessert. Zertifizierte Anbieter belegen zudem nicht nur Softwarefunktionalität, sondern auch Automotive-Know-how und belastbare Projekterfahrung.

Drei Stufen bis zum Gesamtzertifikat

Das Modell gliedert sich in drei aufeinander aufbauende Phasen, die methodische Reife, funktionale Eignung und praktischen Wirksamkeitsnachweis miteinander verbinden:

Abbildung 2: Bisher konnten die ERP-Systeme von Proalpha, All for One und PSI mit dem begehrten Gesamtzertifikat ausgezeichnet werden.
Xybermotive hat das Zertifikat für die Vorgehensmethodik sowie Prozesse und Funktionen erhalten. Das ERP/EDI-System von Ordat wurde als
OEM-System für den Interoperabilitätstest bereitgestellt.

Phase 1 – Prozessorientierte Implementierungsmethodik

Geprüft wird, ob ein Anbieter über eine strukturierte, prozessorientierte Implementierungsmethodik nach dem von der ITA entwickelten MITO-Modell verfügt. Im Mittelpunkt stehen Projektmanagement, Dokumentation und ein belastbares Vorgehen – denn ERP-Projekte scheitern in der Praxis selten an fehlenden Einzelfunktionen, sondern meist an unklaren Verantwortlichkeiten oder mangelnder Prozessausrichtung. Auditoren wählen die zu prüfenden Projekte dabei eigenständig aus den digitalen Projektordnern aus.

Phase 2 – Nachweis automobilspezifischer Prozesse und Funktionen

Hier steht der funktionale Nachweis im Fokus: Deckt das System die relevanten Automotive-Prozesse tatsächlich ab? Es erfolgt eine Abfrage in Form einer Selbstauskunft. Geprüft werden unter anderem die digitale Abbildung von Lieferkettenanforderungen, branchenspezifische Prozesslogiken, Funktionen sowie die Verzahnung von ERP- und EDIFunktionen.

Phase 3 – Interoperabilitätstest als Praxisnachweis

Der Härtetest: Das ERP/EDI-System eines Zulieferers wird direkt mit einem OEM-System verbunden. Im realen EDI-Datenaustausch werden verschiedene Nachrichtenarten sowie Änderungen von Mengen und Terminen durchgespielt, um Kalkulation, Disposition und Rückmeldungen an den OEM zu prüfen. Durchgeführt wird dieser Test vom VDA e.V. und begleitet vom Zertifizierer – nur bei vollständiger und korrekter Erfüllung aller Anforderungen gilt die Phase als bestanden.

Das Gesamtzertifikat als Gütesiegel

Wer alle drei Phasen erfolgreich durchläuft, erhält das Gesamtzertifikat – ein Signal an den Markt, dass Methodik, Funktionsabdeckung und Praxistauglichkeit umfassend bestätigt sind.

Aktuell zertifiziert mit dem Gesamtzertifikat sind die ERP-Systeme von Proalpha, All for One und PSI. Xybermotive hat das Zertifikat für Vorgehensmethodik sowie Prozesse und Funktionen erhalten. Das ERP/EDI-System von Ordat stellte ihr System dankenswerterweise als OEM-System für den Interoperabilitätstest mit EDI Kommunikation. Intensiv am Projekt beteiligt waren zudem die Anbieter Abas, IFS, Asseco, Infor und Hüngsberg sowie die Beratungsunternehmen Prof. Binner Akademie und CKC Group. Die Zertifizierung steht grundsätzlich allen ERP/EDI-Anbietern offen.

Der Mehrwert auf einen Blick

  • Weniger Unsicherheit, geringere Kosten: Eine fundierte Ausgangsbasis verkürzt
    Marktsondierung und Vorqualifizierung.
  • Kürzere Auswahlverfahren: Neutral vorgeprüfte Anbieter reduzieren den Klärungsbedarf
    in der Evaluierung.
  • Geringeres Projektrisiko: Weniger Nacharbeiten, kundenspezifische
    Sonderentwicklungen und späte Korrekturen.
  • Mehr Supply-Chain-Transparenz: Verlässlichere Datenflüsse, standardisierte
    Rückmeldungen und stabilere Dispositionsprozesse zwischen OEMs und Zulieferern.
  • Klarer Branchenmaßstab für Anbieter: Die Zertifizierung zeigt, welche Kompetenzen und
    Prozesse der Markt erwartet, und dient zugleich als Entwicklungsrahmen für die
    Weiterentwicklung von Produkten und Services.

Relevanz über die Automobilindustrie hinaus

Auch wenn die Initiative aus der Automobilbranche stammt, reicht ihre Bedeutung weiter. Insbesondere die Luftfahrt- und Rüstungsindustrie weisen mit komplexen Lieferketten, hoher Dokumentationsdichte und wachsendem Bedarf an standardisierter digitaler Kommunikation vergleichbare Anforderungen auf. Zertifizierte ERP/EDI-Systeme können deshalb auch dort als wichtige Orientierung dienen.

Ausblick: MES, Industrial AI, GenAI, Robotics und Analytics

Die Initiative endet nicht bei ERP und EDI. Bereits in Vorbereitung ist die Erweiterung Richtung MES – mit Fokus auf produktionsnahe Steuerung und digitale Durchgängigkeit bis auf den Shopfloor, in produktiver Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI. Angesichts fortschreitender Digitalisierung, IoT und GenAI braucht es auch hier belastbare Standards und nachvollziehbare Qualitätsnachweise – integrierte,
prozesswirksame KI statt isolierter Pilotprojekte. Absehbar sind dabei unter anderem:

  • strengere Nachweispflichten
  • zusätzliche Zertifizierungen
  • Governance-Standards
  • Sicherheits- und Qualitätsrahmen
  • branchenspezifische Prüfmodelle, etwa für die Automobilindustrie
    Die ITA e.V. begleitet diese Entwicklung mit einem eigenen AI-Expertenkreis sowie dem
    jährlichen ITA Symposium.

Fazit

Zertifizierte ERP/EDI-Systeme sind weit mehr als ein formaler Nachweis – sie sind ein objektiver, praxisnaher Referenzrahmen für eine der wichtigsten Technologieentscheidungen der Automobil- und Zulieferindustrie. Die gemeinsame Initiative von ITA e.V. und VDA e.V. verbindet geprüfte Implementierungsmethodik, branchenspezifische Funktionsabdeckung und realen Interoperabilitätsnachweis zu einem Modell mit hoher Aussagekraft.

Für OEMs und Zulieferer bedeutet das: mehr Sicherheit in der Auswahl, geringere Risiken in der Einführung – und bessere Voraussetzungen für stabile, integrierte Supply Chains.

Einen Fachartikel mit weiteren Details dazu finden Sie hier.